Big-Tech nutzen – Ja oder Nein?


"Wenn du Microsoft boykottierst, warum nutzt du dann ein Android-Handy!?" Dieser sarkastische Kommentar ist kein Argument. Er ist ein Trick. Denn er suggeriert: Entweder du passt dich kritiklos an - oder du verzichtest auf alles. Beides ist gelogen. Es gibt eine dritte Option.

„Wenn du Micro­soft boy­kot­tierst, war­um nutzt du dann ein Android-Han­dy!?“ Die­ser sar­kas­ti­sche Kom­men­tar ist kein Argu­ment. Er ist ein Trick. Denn er sug­ge­riert: Ent­we­der du passt dich kri­tik­los an – oder du ver­zich­test auf alles. Bei­des ist gelo­gen. Es gibt eine drit­te Option.

Die Schlau­mei­er sind gera­de wie­der auf Lin­ke­dIn aktiv. Ihre Argu­men­ta­ti­on geht so: „Wenn Du Dienst XY aus ethi­schen Grün­den nicht benut­zen willst, dann müss­tet Du auch auf die Diens­te A, B, C, D, E, F, G, H, I, J ver­zich­ten. Das machst Du nicht. Des­we­gen bist Du ein Heuch­ler.“ So schie­ßen sie bspw. gegen Open-Source oder, dass man Kon­se­quen­zen aus der Kri­tik an Open AI zieht.

Der moralische Purismus


Neu­lich schrieb einer:

„ChatGPT kün­di­gen und sich mora­lisch über­le­gen füh­len. Wäh­rend das Smart­phone in der Hand auf Tech­no­lo­gie läuft, die von genau den Indus­trien stammt, die man ver­ach­tet […] Wer glaubt, er kann die Frucht essen und den Baum ver­leug­nen, hat das Öko­sys­tem nicht ver­stan­den.[…] Deal with it!“


Das ist kein Auf­ruf zur Ehr­lich­keit. Das ist die Kapi­tu­la­ti­on vor dem Sys­tem. Denn wer „Deal with it“ sagt, akzep­tiert nicht nur die Ver­hält­nis­se – er ver­tei­digt sie.“

Ja, die digi­ta­le Welt ist kaputt. Bei Big-Tech ist Aus­beu­tung kein Bug, son­dern Busi­ness­mo­dell. Das Pro­blem ist nicht, dass die­se Kon­zer­ne „böse“ sind. Das Pro­blem ist, dass sie genau das tun, wie sie sol­len: Als Pro­fit­ma­schi­nen behan­deln sie Men­schen, Demo­kra­tie und Pla­net als Kollateralschaden.

Ethik? Ein Fei­gen­blatt. Ver­ant­wor­tung? Exter­na­li­siert. Und wir? Ein­ge­bun­den in ein Sys­tem, das uns weis­ma­chen will, wir hät­ten kei­ne Wahl – wäh­rend es uns gleich­zei­tig die Illu­si­on von „Frei­heit“ ver­kauft, solan­ge wir brav kli­cken, scrol­len, kaufen.

„Deal with it!“ – das ist das genaue Gegen­teil von dem, was Ador­no mit „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im Fal­schen“ mein­te. Sein Satz war kei­ne Auf­for­de­rung zur Resi­gna­ti­on, son­dern eine Dia­gno­se: In einer kaput­ten Welt gibt es kei­ne unschul­di­gen Lösun­gen – aber das heißt nicht, dass wir auf­hö­ren sol­len, nach bes­se­ren zu suchen.

Wer „Deal with it“ sagt, kapi­tu­liert nicht vor der Rea­li­tät – er kapi­tu­liert vor der Mög­lich­keit, sie zu ändern. Und genau das will das Sys­tem: dass wir unse­re Wut run­ter­schlu­cken und wei­ter­ma­chen wie bisher.

Warum Verzicht keine Lösung ist


Wer kann sich leis­ten, auf alle Big-Tech-Tools zu ver­zich­ten? Die Tech-Mil­li­ar­dä­re, die ihre Kin­der von Bild­schir­men fern­hal­ten – wäh­rend sie den Rest der Welt in ihre Platt­for­men locken? Ver­zicht ist eine pri­vi­le­gier­te Haltung.

Die Jour­na­lis­tin Kash­mir Hill hat es vor ein paar Jah­ren ein­mal ver­sucht, nach­ein­an­der auf alle Ama­zon, Goog­le, Micro­soft, Apple und Face­book zu ver­zich­ten. Schon das hat ihr Leben sehr kom­pli­ziert gemacht – auf alle gleich­zei­tig zu ver­zich­ten ist prak­tisch unmög­lich. Für uns muss des­we­gen Tech-Nut­zung immer wider­sprüch­lich bleiben.

Und selbst wenn du auf alles ver­zich­ten könn­test, ändert das nichts an den Macht­ver­hält­nis­sen. Ver­zicht ist indi­vi­du­ell – das Pro­blem ist struk­tu­rell. Indi­vi­du­el­le Moral reicht nicht aus, um gesell­schaft­li­che Wider­sprü­che auf­zu­lö­sen. Oder, um es auf die Idee des „Mora­li­schen Drei­ecks“ zu pro­ji­zie­ren: Kon­su­men­ten­ethik allei­ne reicht nicht. Der Markt allein regelt es nicht. Wir sind auf den Gesetz­ge­ber und auf Unter­neh­men ange­wie­sen, die ein Inter­es­se an ethi­schem Han­deln haben.

Die Dritte Option: „Kritische Teilhabe“


Wenn Unter­wer­fung unethisch und Ver­zicht unmög­lich ist – was bleibt uns dann als Bür­ge­rin­nen und Bür­gern? Die Ant­wort: Kri­ti­sche Teil­ha­be. Wir kön­nen das Fal­sche nicht ver­las­sen, aber wir kön­nen in ihm so leben, dass es nicht auch noch Recht bekommt.

Dazu kön­nen wir uns par­ti­ell ver­wei­gern und nur bestimm­te Tools nut­zen (z. B. Signal statt Whats­App oder Next­cloud statt One­Dri­ve). Was signa­li­siert, dass nichts alter­na­tiv­los ist.

Wir kön­nen die Tech­nik ent­zau­bern, indem wir mit unse­rer Spra­che Wider­stand gegen die Nar­ra­ti­ve der Kon­zer­ne leis­ten. Wir mei­den ver­kür­zen­de For­mu­lie­run­gen wie „Der Algo­rith­mus hat ent­schie­den“, son­dern füh­ren aus: „Men­schen haben einen Algo­rith­mus so pro­gram­miert, dass er XY begünstigt.“

Wich­tig ist es auch, Alter­na­ti­ven sicht­bar zu machen, indem wir in jedem Pro­jekt fra­gen: „Gibt es eine Open-Source-Alter­na­ti­ve?“ Kri­tik wird dann zum selbst­ver­ständ­li­chen Teil sol­cher Gespräche.

Jedes Mal, wenn ein Big-Tech-Tool Pro­ble­me macht, kön­nen wir die­se Kos­ten benen­nen: „Wäre das mit einer Alter­na­ti­ve pas­siert?“ Das macht Abhän­gig­kei­ten bewusst.

Es hilft auch in Social Media nicht nur Kri­tik an Big Tech zu pos­ten, son­dern zu sagen: „Hier ist, was ich statt­des­sen nut­ze. Und das funk­tio­niert für mich super!“ Das schafft Hand­lungs­op­tio­nen für andere.

Was ich selbst tue (und wo ich scheitere)


Ich nut­ze ein Android-Smart­phone. Es nervt mich, aber ich nut­ze es – weil es prak­tisch ist, und weil ich (noch) kei­ne prak­ti­ka­ble Alter­na­ti­ve gefun­den habe. Aber:

  • Ich habe Signal und Three­ma statt Whats­App – nicht weil ich mora­lisch bes­ser bin, son­dern weil ich nicht will, dass Meta mei­ne per­sön­li­chen Kon­tak­te vermarktet.
  • Ich nut­ze Next­cloud für mei­ne Doku­men­te, Kon­tak­te und Ter­mi­ne – nicht aus Prin­zip, son­dern weil ich kon­trol­lie­ren will, wer Zugriff hat.
  • Ich schrei­be in Libre­Of­fice – nicht weil Micro­soft Word „böse“ ist, son­dern weil ich kei­ne Lust habe, für ein Tool zu zah­len, das mich aus­spio­niert und weil es ein­fach tut, was ich will, ohne zu ver­su­chen smar­ter zu sein als ich.
  • Ich nut­ze Wero wo immer es schon geht – nicht weil Pay­Pal von Peter Thiel gegrün­det wur­de, son­dern weil ich ein­fach nur bezah­len will, ohne dass man mei­ne Ver­hal­tens­da­ten zweit-und dritt­ver­wer­tet werden.
  • Ich nut­ze Linux – nicht weil Win­dows mich über­wacht, son­dern weil ich die Viel­falt und die Mög­lich­kei­ten des frei­en Betriebs­sys­tems mag.
  • Ich nut­ze gene­rell lie­ber Open-Source – nicht weil pro­prie­tä­re Soft­ware schlecht wäre, son­dern weil ich die Selbst­be­stim­mung mag und dass ich dar­an mit­wir­ken kann, wie die Soft­ware wei­ter­ent­wi­ckelt wird.

Das ist kein Ver­zicht. Das ist Selbst­be­stim­mung im Klei­nen.
Und ja, ich schei­te­re oft. Aber jedes Mal, wenn ich eine Alter­na­ti­ve nut­ze, bewei­se ich: Es geht auch anders.

Die digi­ta­le Welt ist kaputt – aber sie ist nicht alter­na­tiv­los.
Nutzt die Tech­nik, die ihr braucht – aber lasst euch nicht von ihr for­men. Stellt die Fra­gen, die die Kon­zer­ne nicht beant­wor­ten wol­len.
Und han­delt, wo ihr könnt – nicht aus Moral, son­dern aus Selbstbehauptung.

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Als Antwort auf TuWas

Oh, das klingt interessant. Wer entwickelt denn derzeit Android, wenn es nicht mehr Google ist?

Und wo kommt das Geweine um Einschränkungen von AOSP her, oder um das "Sideloading" von Apps? Wer wäre denn dazu jetzt mein Ansprechpartner, wenn es nicht mehr Google ist?

... oder ist es eigentlich wieder einer dieser gefährlichen Euphemismen, die hauptsächlich wieder die gescheiten Lösungen verzögern/verhindern, weil ihr euch das selbst glaubt?

Als Antwort auf pino

@pino
Ganz so einfach ist das wohl nicht - jedenfalls nicht für IT-Muggles wie mich.
Einen guten Überblick zum Thema googlefreies Betriebssystem gibt es hier:

murena.com/de/wie-kann-man-das…

@TuWas @kaffeeringe.de

murena.com/de/wie-kann-man-das…

Als Antwort auf kaffeeringe.de

Wow! Danke, du sprichst mir aus der Seele!
Ich handhabe es genauso. Wo es geht, steige ich um (Signal, Threema, Linux, Fediverse, möglichst lokal statt amazon oder dann europäische Plattformen). Ich hatte gerade erst tolle Gespräche mit einer lieben Freundin dazu. Ergebnis: sie probiert jetzt das Fediverse aus.
Mein Smartphone ist ein Fairphone, weil ich iwann auf eOS umsteigen will. Noch nutze ich Android, habe aber alle Zugriffe abgelehnt, wenn möglich.
#didit #dutgemacht 😉🥰
Als Antwort auf Marion 🦋☀️

@Marion 🦋☀️
Das mache ich ganz ähnlich.
Außerdem habe ich #rethinkdns installiert. Auch wenn ich bei weitem nicht alles verstehe, was mir da angezeigt wird, schaue ich mir zwischendurch gerne an, welche Apps aktiv sind. Die "fleißigsten" schicke ich dann mal in die Pause oder deinstalliere sie, wenn ich sie nicht unbedingt brauche.

@kaffeeringe.de

Als Antwort auf Bildhauerei Formenpark

Der Part mit Wero ist da nur so ein zweischneidiges Schwert, wie ich es bereits hier erwähnt hatte.

mastodon.social/@DiWoWo/116137…

#wero

#Wero